Brücke zwischen digitalem Zwilling und IIoT

Ingenics Schaubild Industrial Metav 20250805144236
Bild: Ingenics AG

Unsicherheit, Komplexität und der Druck zur Nachhaltigkeit fordern neue Denk- und Handlungsweisen in der Fabrikplanung. Angepasste Fabrik- und Produktionsstrukturen erfordern eine Positionierung bei Skalierbarkeit und Agilität, aber auch Resilienz und Automatisierung. Hierzu ist in der Regel Transparenz hinsichtlich der eigenen Strukturen und Abläufe notwendig. In diesem Kontext kann das ‚Industrial Metaverse‘ an Bedeutung gewinnen: als Plattform, die digitale Zwillinge, Industrial-Internet-of-Things-Syteme (IIoT) und kollaborative Planung in einer virtuellen Umgebung vereint. Das Metaverse als solches wird als übergreifende Umgebung gefasst, welche unterschiedliche Funktionen in sich bündelt. Das Industrial Metaverse als Teilbereich beschreibt eine vernetzte, immersive Umgebung, in der reale industrielle Prozesse und Anlagen digital abgebildet, simuliert und optimiert werden können. Dabei geht es nicht nur um Visualisierung, sondern um die Integration und Interaktion verschiedener Datenquellen und Systeme über den Lebenszyklus einer Fabrik hinweg. Im Unterschied zu anderen digitalen Zwillingen, die einzelne Objekte oder Prozesse abbilden, fungiert das ‚Industrial Metaverse‘ als übergeordnete Plattform, die mehrere Zwillinge miteinander verknüpft und in Echtzeit mit IIoT-Daten anreichern kann. Hierbei handelt es sich um eine Art Plattform oder Technologieträger: Use-Cases können individuell gestaltet werden, zunehmend bieten Anbieter aber auch fertige Anwendungen oder Sets zur schnellen Konfiguration an.

Beispielhafte Darstellung von Gebäude, Produktionssystem und Simulation.
Beispielhafte Darstellung von Gebäude, Produktionssystem und Simulation.Bild: Screenshot: Nvidia Omniverse (Gesamtbild), / Autodesk Revit (Gebäude) / Autodesk FlexSim (Logistik) / Visual Components (Produktion)

Domänen verknüpfen

Ein wesentlicher Mehrwert des Metaverse liegt darin, Inhalte aus verschiedenen Fachdomänen – etwa Architektur, Produktionstechnik, Logistik, Energieversorgung, IT und Betrieb – in einen gemeinsamen Kontext einzubinden. Diese domänenübergreifende Sichtweise war mit bisherigen Methoden wie ‚Building Information Modeling‘ (BIM) und anderen Planungstools oft nur eingeschränkt möglich. Das Industrial Metaverse verspricht eine neue Qualität der Transparenz und Zusammenarbeit.

Von BIM zur Simulation im dynamischen PPR-Modell

Ein zentrales Element ist dabei die Weiterentwicklung von Planungsmethoden. Während ‚BIM‘ vor allem statische Gebäudedaten erfasst, soll das Industrial Metaverse eine dynamische Abbildung von Prozessen, Produkten und Ressourcen (PPR) ermöglichen. Im Modell sind also Energieflüsse, Emissionen, Materialbewegungen und Maschinenzustände integriert. Diese Datenbasis kann es erlauben, bereits in frühen Planungsphasen fundierte Entscheidungen zu treffen – etwa zur Optimierung von Layouts, zur Simulation von Materialflüssen oder zur Bewertung des CO2e-Fußabdrucks einzelner Produktionsschritte. Durch die Anbindung an Datenräume wie ‚Gaia-X‘ oder ‚Catena-X‘ wird zudem eine unternehmensübergreifende Zusammenarbeit ermöglicht.

IIoT als Rückgrat des Industrial Metaverse

Die Verbindung zum IIoT ist essenziell für die Funktionalität des Industrial Metaverse. Sensoren, Maschinen und Steuerungssysteme liefern die Echtzeitdaten, die in das Modell eingespeist, analysiert und visualisiert werden. So entsteht eine bidirektionale Kopplung zwischen physischer und digitaler Welt. Beispielsweise können Produktionsanlagen überwacht und gesteuert werden. Änderungen im Produktportfolio oder neue Fertigungsschritte lassen sich testen, bevor sie physisch umgesetzt werden. Die Einführung einer solchen Technologie stellt Unternehmen vor Herausforderungen. Neben leistungsfähiger Hardware – etwa für 3D-Visualisierung und Simulation – sind stabile Netzwerke, interoperable Softwareprodukte und standardisierte Datenformate erforderlich. Ebenfalls bedeutend ist ein Denken in zyklischen, datengetriebenen Prozessen.

Einstieg in drei Schritten

Der Weg zu einer solchen IT-Infrastruktur kann über drei Schritte verlaufen. Zuerst sollten Daten erfasst und Transparenz geschaffen werden: Bestehende Systeme, Schnittstellen und Datenquellen sind zu dokumentieren, die Datenqualität zu bewerten und erste Standards zu definieren. Im zweiten Schritt bietet es sich an, Visionen und Anwendungsfälle zu entwickeln: Es gilt, konkrete Use Cases zu identifizieren, technologische Anforderungen abzuleiten und eine übergreifende Zielsetzung zu formulieren. Abschließend kann im dritten Schritt ein Pilotieren, Lernen und Skalieren erfolgen. Das bedeutet, erste Projekte mit messbaren Zielsetzungen umzusetzen, Erfahrungen zu sammeln und erfolgreiche Ansätze auf weitere Bereiche zu übertragen.

Vom Konzept zur Realität

Die Einsatzmöglichkeiten des Industrial Metaverse reichen von der Planung über den Betrieb bis zur kontinuierlichen Optimierung industrieller Systeme. In der Praxis bedeutet das: Es können heterogene Tools integriert, gemeinsame Datenmodelle gebildet und anschauliche Visualisierungen genutzt werden. Ebenso sind realitätsnahe Simulationen möglich, wobei verschiedene Beteiligte durch Mixed Reality eingebunden werden können. Der Betrieb umfasst Funktionen wie Live-Monitoring von Maschinen, prädiktive Wartung und Energieoptimierung. Im Bereich der Optimierung bieten sich virtuelle Testläufe, KI-gestützte Prozessverbesserungen sowie flexible Anpassungen an neue Anforderungen an. So integriert, kann ein Industrial Metaverse als strategisches Werkzeug zur Bewältigung von Herausforderungen der industriellen Transformation dienen. Durch die Verzahnung von digitalen Zwillingen, IIoT und domänenübergreifender Planung könnten sich neue Wege für Effizienz, Transparenz und Innovationsfähigkeit eröffnen.

Simon Schaefer 7478 edited 1
Bilder: Ingenics AG
Stolz Alexander edited 3

Autoren

Dr.-Ing. Simon F. Schäfer (l.) ist
Director Factory Design & Simulation bei Ingenics Consulting und
Alexander Stolz (r) ist Partner bei Ingenics Consulting.



  • Bund fördert Gaia-X-Leuchtturmprojekte

    Bund fördert Gaia-X-Leuchtturmprojekte

    Gaia-X startet mit einem Förderwettbewerb in die Anwendungsphase. Interessierte können sich dafür noch bis zum 7. Mai bewerben.

    mehr lesen: Bund fördert Gaia-X-Leuchtturmprojekte

  • Neue Lösungen in Instandhaltung und Service

    Neue Lösungen in Instandhaltung und Service

    Am 20. und 21. April findet das 16. Anwenderforum ‘Einsatz mobiler Lösungen‘ statt. In diesem Jahr als reine Online-Veranstaltung.

    mehr lesen: Neue Lösungen in Instandhaltung und Service

  • Sichere Anlagen in der Prozessindustrie

    Sichere Anlagen in der Prozessindustrie

    Die Prozessindustrie stellt spezifische Anforderungen an die Sicherheit ihrer Anlagen. Wesentliche Elemente sind dabei die PLT-Sicherheitseinrichtungen.

    mehr lesen: Sichere Anlagen in der Prozessindustrie

  • Anzeige
    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

    Die Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen von Retarus ermöglichen effiziente Abläufe ohne manuellen Aufwand oder Kompromisse bei der Datensouveränität

    mehr lesen: Retarus beschleunigt Datenaustausch in der Produktion

  • Talend wird von Thoma Bravo übernommen

    Talend wird von Thoma Bravo übernommen

    Für 2,4Mrd.US$ will das Private Equity Unternehmen Thoma Bravo den Cloud-Integrator Talend übernehmen. Das Board of Directors von Talend hat der Absichtserklärung zugestimmt.

    mehr lesen: Talend wird von Thoma Bravo übernommen

  • Besserer Schutz bei der Arbeit mit Cobots

    Besserer Schutz bei der Arbeit mit Cobots

    Im Forschungsprojekt ‘Digitale Gefahrenprävention für kollaborative Roboterarbeitsplätze mithilfe einer webbasierten Planungshilfe (CobotPlaner)‘ hat das Fraunhofer IFF im Auftrag der Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM) eine webbasierte Planungshilfe entwickelt, die für…

    mehr lesen: Besserer Schutz bei der Arbeit mit Cobots

  • SAP-Kunden überdenken Pläne zur ERP-Umstellung

    SAP-Kunden überdenken Pläne zur ERP-Umstellung

    Die Corona-Pandemie führt bei Firmen zu verzögerten S/4Hana-Umstellungen. Der Befragung zufolge wollen die meisten Unternehmen ihre SAP-Installationen dennoch bis 2025 umgestellt haben. Besonders beliebt sind wohl Hybrid-Cloud-Infrastrukturen.

    mehr lesen: SAP-Kunden überdenken Pläne zur ERP-Umstellung

  • Unternehmen senken F&E-Ausgaben

    Unternehmen senken F&E-Ausgaben

    Im vergangenen Jahr lag der Anteil der F&E-Ausgaben deutscher Unternehmen gemessen am Umsatz bei 3,2 Prozent und damit unter dem Durchschnitt der Vorjahre.

    mehr lesen: Unternehmen senken F&E-Ausgaben

  • Corona-Pandemie gefährdet langfristig Ingenieurarbeitsmarkt

    Corona-Pandemie gefährdet langfristig Ingenieurarbeitsmarkt

    Die Corona-Pandemie hat im dritten Quartal in Folge gravierende Spuren auf dem Ingenieurarbeitsmarkt hinterlassen. Das zeigen die Zahlen für das 4. Quartal 2020 aus dem aktuellen Ingenieurmonitor, den der VDI…

    mehr lesen: Corona-Pandemie gefährdet langfristig Ingenieurarbeitsmarkt

  • Pandemie sorgt für Rekordrückgang des Arbeitsvolumens

    Pandemie sorgt für Rekordrückgang des Arbeitsvolumens

    Mit einem Rückgang um 4,7 Prozent auf 59,64 Milliarden Stunden ist das Arbeitsvolumen im Jahr 2020 aufgrund der Covid-19-Pandemie so stark eingebrochen wie noch nie. Dies geht aus der Anfang…

    mehr lesen: Pandemie sorgt für Rekordrückgang des Arbeitsvolumens

  • IFS bringt Portfolio in die Cloud

    IFS bringt Portfolio in die Cloud

    Der schwedische Softwarehersteller IFS hat die Lösung IFS Cloud vorgestellt. Anwender können damit nach Unternehmensangaben alle IFS-Funktionalitäten, von ERP-System bis zu den produktionsnahen Modulen, als Cloud-System nutzen. Der Cloud-und On-Premise-Betrieb…

    mehr lesen: IFS bringt Portfolio in die Cloud

  • Kooperation zwischen NET und PDSVision

    Kooperation zwischen NET und PDSVision

    Im Rahmen einer strategischen Partnerschaft will NET dem schwedischen Unternehmen PDSVision einen besseren Zugang zum deutschsprachigen Markt ermöglichen.

    mehr lesen: Kooperation zwischen NET und PDSVision