Digitale Maschinenzertifikate mit Trustpoint verwalten

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Bild: Campus Schwarzwald

Im Gegensatz zur IT-Sicherheit im Büro-Netzwerk bringt der industrielle Kontext zusätzliche Herausforderungen mit sich: lange Lebenszyklen, fragmentierte Netzwerke, eingeschränkte Update-Möglichkeiten und proprietäre Schnittstellen. Gleichzeitig steigen regulatorische Anforderungen und Erwartungen an Nachvollziehbarkeit, Datenintegrität und Ausfallsicherheit. Digitale Identitäten von Maschinen spielen für die Sicherheit eine wichtige Rolle, indem sie Vertrauen zwischen Herstellern, Integratoren und Betreibern schaffen. Sie helfen dabei, Geräte eindeutig zu identifizieren, Kommunikation abzusichern und Manipulationen zu verhindern. In der Office-IT ist der Einsatz digitaler Zertifikate als Identitätsnachweis bereits etabliert. In der industriellen Automatisierungstechnik hingegen steckt dieses Thema oft noch in den Anfängen – obwohl hier besonders sensible Abläufe geschützt werden müssen. Standards wie OPC UA (OPC-10000-21) oder die Normenreihe IEC62443 fordern explizit den Einsatz digitaler Maschinenidentitäten zur Authentifizierung, Datenintegrität und Rückverfolgbarkeit. Diese ermöglichen es etwa:

  • Kommunikationspartner eindeutig zu identifizieren (z.B. Maschinen, Gateways, Steuerungen),
  • Firmware-Updates und Software sicher zu validieren,
  • den Ursprung von Komponenten nachzuvollziehen,
  • Ereignisse über den Lebenszyklus hinweg lückenlos zu dokumentieren.

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Den Effekten einer Einführung stehen die Hürden einer Einführung entgegen. In vielen Fabriken fehlen zentrale Verwaltungsinstanzen für Zertifikate (PKI), geschweige denn Schnittstellen zwischen IT und OT. Häufige Herausforderungen ergeben sich weiter aus segmentierten Netzwerken mit eingeschränkter oder instabiler Internetverbindung. Hinzu kommen langlebige Systeme mit veralteter Firmware, die über keine sicheren Speicher für Schlüsselmaterial verfügen. In vielen Fällen fehlen zudem geeignete Benutzeroberflächen zur Eingabe von Zugangsdaten oder zur Verwaltung von Identitäten. Unklare Zuständigkeiten bei der Verwaltung digitaler Identitäten über den gesamten Maschinenlebenszyklus hinweg erschweren die Umsetzung zusätzlich. Darüber hinaus besteht häufig eine mangelnde Interoperabilität zwischen unterschiedlichen Herstellerlösungen. Die Folge: Viele Maschinen werden ohne echte Vertrauensanker in Netzwerke integriert – ein Einfallstor für Angreifer und ein Compliance-Risiko.

Trustpoint als Einstieg in Identitätsmanagement

Trustpoint ist eine Open-Source-Plattform zur abgesicherten Verwaltung digitaler Maschinenidentitäten in industriellen Netzwerken. Die auf Github auffindbare Software soll als Vertrauensanker den Lebenszyklus von Zertifikaten begleiten, von der Ausstellung über die Erneuerung bis zum Widerruf. Dabei adressiert sie die Herausforderungen industrieller Umgebungen. Die Plattform entsteht im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Verbundprojekts Trustpoint (Laufzeit: 2023-2026). Das Ziel ist es, eine skalierbare, offene und praxistaugliche Anwendung für das Management digitaler Identitäten bereitzustellen. Besonderes Augenmerk liegt auf der Sicherheit, Effizienz und Interoperabilität bei geringem Implementierungsaufwand.

Trustpoint ist für ressourcenbeschränkte Umgebungen konzipiert, schlank und wird als Docker-Applikation bereitgestellt. Damit eignet sich die Software auch für Edge-Umgebungen und Brownfield-Anlagen. Die Standardkonformität und die Unterstützung bewährter Sicherheitsprotokolle soll eine nahtlose, vertrauenswürdige Kommunikation über System- und Herstellergrenzen hinweg ermöglichen.

Schlüssel zur Industrie 4.0

Die sichere Verwaltung digitaler Maschinenidentitäten ist eine zentrale Voraussetzung für vernetzte, automatisierte Produktionsumgebungen. Sie ermöglicht vertrauenswürdige Kommunikation, schützt vor Manipulation und schafft Compliance – insbesondere im Kontext von Normen wie IEC62443 und regulatorischen Anforderungen wie dem EU Cyber Resilience Act. Trustpoint soll eine Lücke zwischen industrieller Praxis und sicherheitstechnischen Anforderungen schließen. Dazu bietet sie einen offenen und vergleichsweise leicht zugänglichen Weg für das Identitätsmanagement, unabhängig von proprietären Systemen, schlank und auf Kompatibilität ausgerichtet. Ob Greenfield oder Brownfield, manuelles oder automatisiertes Onboarding: Die Open Source-Plattform soll sich an industrielle Realitäten anpassen. Betreiber, Integratoren und Maschinenhersteller können damit eine Grundlage schaffen, um IT/OT-Sicherheit strukturiert und zukunftssicher aufzubauen.

Wesentliche Funktionen im Überblick

– Zertifikatsmanagement über den Lebenszyklus: Erstellung, Erneuerung, Widerruf und Löschung digitaler Identitäten gemäß OPC UA und IEC62443
– Flexible Betriebsmodi: Betrieb als lokale Certificate Authority (CA) oder Registration Authority (RA) zur Anbindung externer PKIs
– Protokollunterstützung und Onboarding: Unterstützung von CMP, EST, REST sowie automatisiertes Zero-Touch-Onboarding nach BRSKI [BRSKI]
– Kryptografische Absicherung: Truststore-Management, Integration mit HSMs
– Industriegerechte Zusatzfunktionen: Zertifikatvorlagen, Domain-Management für Betriebsbereichstrennung, umfassendes Audit-Logging