Firma Koehler Paper: „So konnten wir wieder alle Ausbildungsstellen besetzen“

Professor Christoph Pelger leitet den Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Accounting und Auditing an der Universität Passau. Der Lehrstuhl befasst sich in Lehre und Forschung mit Themen der Nachhaltigkeitsberichterstattung.
Professor Christoph Pelger leitet den Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Accounting und Auditing an der Universität Passau. Der Lehrstuhl befasst sich in Lehre und Forschung mit Themen der Nachhaltigkeitsberichterstattung.Bild: T.Con GmbH & Co. KG

Wie steht es aktuell um die Nachhaltigkeit?

Christoph Pelger: Das Thema hatte in den vergangenen Jahren eine große Dynamik und es hat sich viel getan. Aktuell beobachten wir jedoch leider eine Umkehr. Die EU lockert die Regulatorik und vielen Unternehmen geht es vornehmlich um kurzfristiges wirtschaftliches Wachstum. Die Frage ist, wie beides übereinkommt, damit die Ziele doch noch erreicht werden – denn die planetaren Grenzen rücken immer näher.

Was sind Anreize, freiwillig in Nachhaltigkeit zu investieren?

Christoph Pelger: Es ist wissenschaftlich dokumentiert, dass Unternehmen, die sich mit der Thematik befassen und entsprechende Daten erheben, wirtschaftliche Vorteile haben können. Sie können beispielsweise ihre Prozesse effizienter gestalten und Energie-, Abfall- und Wassermengen reduzieren. Außerdem erwarten Kapitalgeber zunehmend belastbare und vergleichbare nachhaltige Kennzahlen, damit sich die Kapitalströme in Richtung nachhaltiger Transformation bewegen.

Jens Kriete ist studierter Umweltingenieur und Nachhaltigkeitsmanager bei Koehler Paper, einem familiengeführten Papierhersteller mit 2.500 Mitarbeitenden und Sitz in Oberkirch. Das Kerngeschäft ist die Entwicklung und Produktion hochwertiger Spezialpapiere.
Jens Kriete ist studierter Umweltingenieur und Nachhaltigkeitsmanager bei Koehler Paper, einem familiengeführten Papierhersteller mit 2.500 Mitarbeitenden und Sitz in Oberkirch. Das Kerngeschäft ist die Entwicklung und Produktion hochwertiger Spezialpapiere.Bild: T.Con GmbH & Co. KG

Vielen gilt Papierproduzent Koehler als Vorreiter im Bereich Nachhaltigkeit. Was machen Sie anders?

Jens Kriete: Wir haben uns bereits vor über zehn Jahren das Ziel gesetzt, bis 2030 mehr erneuerbare Energie zu erzeugen als wir für die Papierproduktion benötigen. Um dies zu erreichen, haben wir sechs Handlungsfelder, u.a. entlang der UN-Ziele, identifiziert. Wesentlich ist die Entwicklung biobasierter, kreislauffähiger bzw. biologisch abbaubarer Papiere insbesondere für nachhaltigere Verpackungslösungen. In fünf Jahren sollen 100 Prozent unserer Produktinnovationen kreislauffähig sein. Großen Wert legen wir zudem auf die nachhaltige Entwicklung unserer Lieferanten und eine transparente, zertifizierte Lieferkette. Um unsere Fortschritte zu dokumentieren, erstellen wir seit 2019 freiwillig Nachhaltigkeitsberichte.

Welche positiven Effekte bringt Ihnen Ihr Engagement?

Christian Jung ist ausgebildeter Papiermacher, war über 30 Jahre vertrieblich in der Papierindustrie tätig und arbeitet seit vier Jahren beim SAP-Beratungshaus T.Con. Dort setzt er sich verstärkt für die Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit ein.
Christian Jung ist ausgebildeter Papiermacher, war über 30 Jahre vertrieblich in der Papierindustrie tätig und arbeitet seit vier Jahren beim SAP-Beratungshaus T.Con. Dort setzt er sich verstärkt für die Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit ein.Bild: T.Con GmbH & Co. KG

Jens Kriete: Indem wir uns digital transformieren und erfolgreiche, zukunftsfähige Produkte und Services entwickeln, verbessern wir nicht nur unsere eigene Leistung, sondern geben auch unseren Kunden einen leistungsfähigen Hebel an die Hand, ihre Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Das bedeutet, wir erfüllen den Wunsch von Herstellerfirmen und Konsumentinnen und Konsumenten nach nachhaltigen Verpackungssystemen, mit denen sie auch ihren CO2-Fußabdruck reduzieren können. Weitere Faktoren sind unsere Mitarbeitenden, denen gegenüber wir transparent sein wollen und die sich sehr für das Thema interessieren sowie Bewerberinnen und Bewerber – so konnten wir wieder alle Ausbildungsstellen besetzen, weil unser Engagement gut ankommt.

Inwiefern hilft Ihnen die Digitalisierung?

Jens Kriete: Ohne Digitalisierung kommen wir nicht so gut an die Datenmengen, die wir beispielsweise brauchen, um die Nachhaltigkeitsberichterstattung mit dem Controlling zu verzahnen, den Ausstoß von Treibhausgasemissionen zu berechnen oder Ökobilanzierungen durchzuführen. Wir können so sehr viel genauer erheben, wie viel Zellstoff wir einsetzen, wie viel Fremdstrom und Brunnenwasser wir verbrauchen, wie viel Biomasse wir aufbereiten und welchen Output wir damit erzielen – auch im Vergleich zu Vorjahren. Wir teilen die Daten bereits über Abteilungen hinweg, aber eine Herausforderung besteht noch darin, alle Werkzeuge und Daten in einer zentralen Datenbank zusammenzuführen und beispielsweise KI einzusetzen. Wir arbeiten tatsächlich noch viel manuell mit Excel-Listen.

Eine MES-Anwendung als zentrales System in der Fertigung ist die Schnittstelle für alle Datenströme 
und steuert die Produktion aktiv nach Nachhaltigkeitskriterien.
Eine MES-Anwendung als zentrales System in der Fertigung ist die Schnittstelle für alle Datenströme und steuert die Produktion aktiv nach Nachhaltigkeitskriterien.Bild: T.Con GmbH & Co. KG

Wie lässt sich das Problem lösen?

Christian Jung: Durch digitalisierte und integrierte Prozesse zwischen Maschinen, Systemen und Services. Dies ermöglicht eine Sicht auf die wirtschaftliche Rentabilität und Ressourceneffizienz. Die Basis sind gute Daten und Transparenz. Sie brauchen Daten, die direkt von ihren Lieferanten kommen. Bislang nutzen viele Unternehmen Datenbanken, die zwar anerkannt sind, aber doch nur Mittelwerte liefern. Und Sie brauchen gerade auch auf Produktionsebene Menschen, die die Daten lesen können, auch wenn dies zukünftig KI-gestützt ist. Denn nur dann finden Unternehmen heraus, wie hoch der ökologische Fußabdruck konkret ist. Ein möglicher erster Schritt, produzierenden Unternehmen zu helfen, Umweltdaten zu erfassen, ist ein Manufacturing Execution System (MES).

Was muss die MES-Software leisten?

Christian Jung: Eine MES-Anwendung ist die Schnittstelle für alle Datenströme. Sie hilft, Daten an allen relevanten Messpunkten zu erfassen und die Produktion nach Nachhaltigkeitskriterien zu steuern: den Energieverbrauch zu optimieren, Abfälle und Ausschuss zu reduzieren, die Rückverfolgbarkeit zu verbessern und Stillzeiten zu begrenzen.

Darstellung eines Stoffauflaufs bei Koehler Paper - dieser sichert neben der 
Papierqualität die Betriebs- und Energieeffizienz.
Darstellung eines Stoffauflaufs bei Koehler Paper – dieser sichert neben der Papierqualität die Betriebs- und Energieeffizienz.Bild: T.Con GmbH & Co. KG

Was zeichnet gute Produkte aus?

Christian Jung: Mit der richtigen Infrastruktur sind Unternehmen in der Lage, neue Software zu integrieren, die einen positiven Beitrag zur Nachhaltigkeit leistet. Wir reden zurzeit überwiegend über Energie, aber es wird mehr und mehr auch um Wasser, Recycling oder Landnutzung gehen. Dazu gehören Schnittstellensysteme, um die Umweltbilanz zu optimieren, Abfälle zu vermeiden, zur Lieferantenbewertung unter Nachhaltigkeitsaspekten und – ganz aktuell – die Compliance von Verordnungen wie der EUDR sicherzustellen. Wichtig bei allen Tools ist, dass sie sich nahtlos in bestehende Systeme und Prozesse integrieren lassen, direkte Anbindungen an externe Plattformen wie EU Traces ermöglichen und flexibel an die individuellen Unternehmensanforderungen anpassen lassen.

Was bringen Automatisierung und KI?

Christian Jung: In modernen Produktionslandschaften werden massenhaft unstrukturierte Maschinen- und Prozessdaten erzeugt und gesammelt. Ein Großteil bleibt leider ungenutzt. Maschinelles Lernen ermöglicht die automatisierte Auswertung dieser Daten, kann Muster erkennen, Regeln und Risiken ableiten, Erkenntnisse ziehen und Vorhersagen treffen. Daraus ergeben sich wiederum spannende Use Cases im Bereich IoT und Energiemanagement: Wie Maschinen optimal umgebaut und eingestellt werden können, um nachhaltiger zu produzieren, oder um den Energieverbrauch so genau zu berechnen, dass kein Aufpreis gezahlt werden muss.

Standort von Koehler Paper in Greiz: Hier entstehen Papiere unter nachhaltigen Kriterien.
Standort von Koehler Paper in Greiz: Hier entstehen Papiere unter nachhaltigen Kriterien.Bild: T.Con GmbH & Co. KG

Welche Ratschläge ergeben sich aus der Forschung für die Praxis?

Christoph Pelger: Unternehmen, die freiwillig berichten, sollten sich zunächst inhaltlich fokussieren und dann Strukturen aufbauen sowie eine gute Datengrundlage schaffen. Hierbei können zentrale Umweltthemen wie CO2-Emissionen in den Mittelpunkt gestellt werden. Diese Fokussierung bietet die Chance, dass ein breiterer Kreis an Unternehmen in die Umsetzung kommt – und wir dadurch massivere Reduktionen erreichen.