Vom Compliance-Instrument zum Befähiger

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Das Schema einer DPP-Infrastruktur. – Bild: Capgemini Deutschland GmbH

Ein digitaler Produktpass (DPP) ist ein Datensatz, der die Komponenten, Materialien und chemischen Substanzen oder auch Informationen zu Reparierbarkeit, Ersatzteilen oder fachgerechter Entsorgung für ein Produkt zusammenfasst. Die Daten stammen aus allen Phasen des Produktlebenszyklus (Entwicklung, Herstellung, Nutzung, Recycling) sowie aus der gesamten Wertschöpfungs- und Lieferkette (von Rohstoffbeschaffung bis zum Recycling). Zahlreiche DPP-relevante Verordnungen sind bereits heute bekannt, weitere könnten weltweit hinzukommen. Die Einführung des DPP gilt als komplexes, unternehmensweites Vorhaben. Bestehende Standards aus Industrie und Forschung schaffen zwar ein Grundverständnis, reichen jedoch oft nicht für die Integration in bestehende Unternehmensprozesse und Systemlandschaften aus. Das E2E-DPP-Framework zielt darauf ab, diese Lücke mit einem eingesetzten Ansatz zu schließen. Unternehmen sollen ihre IT-Systeme so befähigen, dass sie DPP-Daten aggregieren und bereitstellen können.

Die Datenerfassung erfolgt entlang der gesamten Liefer- und Wertschöpfungskette – von der Nutzung bis zur Wiederverwertung. In einem Datenspeicher werden umfangreiche statische und dynamische Produkt- und Prozessdaten hinterlegt, aus denen die für einen DPP erforderlichen Datensätze generiert werden. Diese Datensätze werden in Form eindeutig identifizierbarer DPPs über digitale Portale mit differenzierten Zugriffsrechten bereitgestellt. Es existieren Ansätze für eine unternehmensübergreifende Zusammenarbeit, z. B. Datenräume (Catena-X) oder Industriestandards (Battery Pass). Plug-&-Play-Anwendungen, die End-to-End wirken, sind bislang jedoch kaum verfügbar.

DPP als Enabler

Neben der fristgerechten Umsetzung stehen Unternehmen vor Herausforderungen wie fehlender Governance, unklaren Zuständigkeiten, mangelnder IT-Readiness bzw. Datenqualität sowie der Befähigung von Lieferketten in Bezug auf globale Datenverfügbarkeit. Der DPP könnte jedoch das Potenzial haben, sich vom Compliance-Instrument zu einem strategischen Befähiger zu entwickeln. Bei der Erfüllung regulatorischer Anforderungen lässt sich durch die Verknüpfung ökologischer und sozialer Verantwortung mit wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit ein Wettbewerbsvorteil erzielen. Als digitaler Zwilling kann der DPP Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette schaffen und fundierte Entscheidungen in Einkauf, Produktion, Logistik und Recycling unterstützen. Auf dieser Datenbasis sind Prozesse auto-matisierbar und Lieferketten nachhaltiger gestaltbar. So lassen sich etwa durch die Analyse von Materialdaten im DPP die Auswahl nachhaltiger Lieferanten unterstützen und Produktdesigns anpassen. Der DPP macht Kennzahlen wie CO2-Fußabdruck oder Recyclingfähigkeit messbar und unterstützt damit eine datenbasierte Steuerung der Nachhaltigkeitsstrategie. Zudem ermöglicht erst diese solide Datenbasis den verlässlichen Einsatz von KI-Applikationen. Der DPP könnte darüber hinaus interne Prozesse unterstützen, z. B. durch vereinfachte Bauteilrückverfolgung, vorausschauende Wartung und effizientere Rückrufaktionen. Nicht zuletzt kann der DPP die Grundlage für datengetriebene Geschäftsmodelle und zusätzliche Erlösquellen bilden, etwa über digitale Services zu Nutzung, Wartung und Wiederverwertung.

E2E-Framework für DPPs

Um die Potenziale von DPPs ausschöpfen zu können, braucht es eine robuste organisatorische und technische Grundbefähigung. Das E2E-DPP-Framework basiert auf drei zentralen Bausteinen: IT-Architektur, Datenarchitektur und Governance. Diese Bausteine wirken über alle drei Ebenen der DPP-Implementierung hinweg – von der Datenerfassung und -aggregation bis zur -bereitstellung. Jede Ebene soll sicherstellen, dass relevante Daten erhoben, sinnvoll aufbereitet und passgenau für Stakeholder verfügbar gemacht werden.

Governance: Um Potenziale zu erschließen, ist eine fundierte organisatorische Basis hilfreich. Sie erleichtert den effizienten Betrieb bestehender und die zügige Umsetzung neuer DPPs. Eine solche Governance sollte den gesamten DPP-Lebenszyklus abdecken und unter anderem folgende Punkte festlegen:

DPP-Identifikation: Zuständigkeit für das regulatorische Screening

Initiierung und Erstumsetzung: Zuständigkeit für Projektstart und Umsetzung

Linienbetrieb: Verantwortlichkeit für Betrieb und Wartung nach Roll-out

Neben definierten Verantwortlichkeiten ist ein standardisierter Kernprozess wichtig, um Transparenz und gleichförmige Abläufe zu schaffen und den Aufwand künftiger Initiativen zu senken.

Datenarchitektur: Zentrales Element ist ein lebenszyklusübergreifender, digitaler Produktzwilling auf Basis eines einheitlichen, qualitätsgesicherten Datenmodells. Durch den Einsatz branchenüblicher Ontologien können die Interoperabilität gefördert, Investitionskosten reduziert und die Integration in bestehende Ökosysteme erleichtert werden. Die Datenarchitektur folgt den ACID-Prinzipien (Atomarität, Konsistenz, Isolation, Dauerhaftigkeit), um Transaktionalität, Konsistenz und Beständigkeit der Daten sicherzustellen.

IT-Architektur: End-to-End angelegt, kosteneffizient und skalierbar. Neben DPPs kann sie auch weitere Anwendungsfälle unterstützen.

Datenfluss im DPP

Die Umsetzung eines digitalen Produktpasses erfordert einen strukturierten Umgang mit Daten entlang der Wertschöpfungskette. In der Phase der Datenerfassung müssen alle Upstream- und Downstream-Akteure technisch und rechtlich in die Lage versetzt werden, Informationen in definierten Formaten zu übertragen. Ein zwischengeschalteter Processing-Layer übernimmt die Prüfung und Harmonisierung der Rohdaten – auch auf semantischer Ebene – um sie in standardisierter Form nutzbar zu machen. Anschließend erfolgt die Datenaggregation: Informationen aus den Phasen des Produktlebenszyklus werden erfasst, konsolidiert und als digitaler Produktzwilling in Datenpakete überführt. Diese Pakete können auch für weitere Anwendungen genutzt werden. Bei der Datenbereitstellung werden die erstellten DPPs über Plattformen mit Zugriffsrechten zugänglich gemacht. Die Steuerung erfolgt über technologische Ansätze wie Verwaltungsschalen und wird vertraglich geregelt. Vor der Wahl oder Entwicklung einer DPP-Plattform empfiehlt sich eine Make-or-Buy-Analyse, da insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen bereits zahlreiche Produkte vorhanden sind. Ein Interoperability-Gateway ermöglicht zudem die Anbindung an internationale Standards, beispielsweise durch semantische Datenharmonisierung.

Quellenverzeichnis

1 Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) (2025): Was ist ein digitaler Produktpass?, Webseite, [online], www.bundesumweltministerium.de 2 Battery Pass Consortium (2024): Unlocking the Value of the EU Battery Passport, Webseite, [online], thebatterypass.eu