„Hier stirbt die Ambition nicht in der Garage, sondern an der Grenze“

Als CEO hat Osler Wildix zu einem weltweit agierenden Anbieter von Unified Communications & Collaboration-Systemen entwickelt.
Als CEO hat Osler Wildix zu einem weltweit agierenden Anbieter von Unified Communications & Collaboration-Systemen entwickelt.Bild: Wildix OÜ

Europa bringt eigentlich alles mit, um in der weltweiten Tech-Szene eine führende Rolle zu spielen: kluge Köpfe, eine starke Infrastruktur und gemeinsame Werte. Unsere Hochschulen bilden Spitzen-Ingenieure aus. Forschungseinrichtungen entwickeln bedeutende Innovationen. Und die Politik setzt weltweit Maßstäbe, etwa beim Datenschutz und bei digitalen Rechten. Eigentlich. Denn trotz dieser Stärken ist es für Gründer extrem schwer, ihr Tech-Unternehmen in Europa zu vergrößern und zu skalieren. Das liegt nicht daran, dass unsere Ideen schlechter wären als anderswo. Das Problem ist: Unser europäisches System war nie dafür gemacht, Unternehmen im großen Stil wachsen zu lassen.

Von wegen Binnenmarkt

Die EU wirbt mit dem Versprechen eines einheitlichen Binnenmarktes. Für Verbraucher funktioniert das meist ganz gut. Für Unternehmer sieht die Realität leider anders aus: Sie müssen sich durch ein Dickicht nationaler Regeln, Ausnahmen und Unsicherheiten kämpfen. Jedes Land hat eigene Steuervorschriften, Arbeitsgesetze, Meldepflichten und Datenschutz-Regeln. Wer etwa von Italien nach Frankreich oder Deutschland expandiert, macht keinen einfachen nächsten Schritt – sondern beginnt oft gefühlt wieder bei null. Wir regulieren in Europa, als wären wir ein einheitlicher Verbund – aber wenn es ums Wachstum geht, fühlt sich alles wie ein zersplitterter Kontinent an. Das zeigt: Europa wurde für den Handel konstruiert, nicht fürs Skalieren von Unternehmen.

Was Europas Stillstand kostet

Es geht um Europas Platz in der globalen Wirtschaft von morgen. Während die USA ihre Plattformen weiter ausbauen und massiv in künstliche Intelligenz investieren und China seine digitale Infrastruktur stärkt, droht Europa zur reinen politischen Stimme ohne wirtschaftliches Fundament zu werden. Das kann auf Dauer nicht gutgehen. Die jüngsten Spannungen mit den USA zeigen, wie riskant digitale Abhängigkeit ist. Europa darf nicht länger darauf setzen, dass andere Länder die technischen Grundlagen für unsere Wirtschaft liefern. Wir müssen Systeme entwickeln und fördern. Wir müssen auf Augenhöhe mit den USA und China agieren – und das geht nur mit Wachstum und Skalierung.

Politik verkennt die Praxis

Es ist der Europäischen Kommission anzuerkennen, dass sie die richtigen Fragen stellt. Der Digital Services Act, der Digital Markets Act und die Vorgaben für die ‚Digitale Dekade‘ zeigen ein klares Verständnis der Herausforderungen. Europa hat es richtig gemacht, in den Bereichen Ethik, Datenschutz und Fairness eine führende Rolle zu übernehmen. Diese Werte sind keine Einmischung in die Angelegenheiten anderer Länder, sondern Marktunterscheidungsmerkmale. Europa gibt beim Thema Datenethik bereits den globalen Ton an – jetzt muss es zeigen, dass es Innovationen auch weltweit voranbringen kann. Doch kein Wertesystem kann Erfolg haben, wenn es keinen praktischen Weg gibt, um darin zu wachsen. Ein Gründer, der einen Kunden in Mailand hat, sollte problemlos auch in Rotterdam, Prag oder Valencia tätig werden können – ohne sein Unternehmen neu strukturieren zu müssen. In Europa stirbt der Ehrgeiz nicht in der Garage – er stirbt an der Grenze. Doch ich setze weiterhin auf Europa, weil ich an das Potenzial dieses Kontinents glaube. Ich vertraue auf seine Ingenieure, seine Institutionen und seine Werte. Doch Glaube allein reicht nicht aus. Wir müssen der nächsten Unternehmergeneration zeigen, dass sie hier nicht nur starten, sondern auch wachsen kann. Wenn wir das nicht tun, verlieren wir sie nicht nur an Silicon Valley, sondern auch an die Resignation. Hören wir also auf, Europa als die Zukunft der Innovation zu beschreiben, und fangen wir endlich an, diese Zukunft wirklich zu gestalten. Lassen wir uns ein System schaffen, in dem Wachstum in ganz Europa keine Ausnahme, sondern der natürliche nächste Schritt für jedes Unternehmen wird.