Automatisierungstechnik für Live-Events: „Zwei Kabel dran und wir sind entspannt“

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Bild: Siemens AG
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Bild: BESL Eventagentur GmbH & Co. KG

Obwohl schon seit mehr als 20 Jahren im Metier, ist Christian Pellenz doch jedes Mal ein wenig angespannt, wenn es darum geht, ein größeres Online-Business-Event reibungslos über die Bühne und als Live-Stream auf die Endgeräte meist mehrerer Tausend Teilnehmer zu bringen. Pellenz ist Geschäftsführer der international agierenden BESL Eventagentur GmbH & Co. KG aus Berlin. Die hat sich neben Live- und Hybrid-Events auch anspruchsvollen Online-Live-Events verschrieben und dafür eine eigene Plattform etabliert, die von Unternehmen rund um den Globus genutzt wird. Die Berliner verstehen sich als Full-Service-Agentur für Live-Kommunikation und bieten mit einem rund 30-köpfigen festen Team ein Portfolio, das von der Event-Idee bis zur Nachbereitung reicht. Highend sind Veranstaltungen im Stil von TV-Talkshows, mit Moderatoren und Gästen im Studio vor Ort sowie live von überall aus zuschaltbaren Referenten. Dabei fangen mehrere Kameras das Geschehen mitunter auf mehreren Bühnen ein, eine Videoregie koordiniert das Ganze und bereitet Bild und Ton zu einem sendefähigen Live-Stream auf. Wahl- und vorzugsweise im eigenen Meistersaal-Studio am Potsdamer Platz in Berlin, grundsätzlich aber auch an jedem anderen Ort mit Internet-Anbindung. „Damit sind in der Regel gut 90 Prozent der Arbeit getan“, sagt der Geschäftsführer, „dann wird das Material via Internet zu unserem Streaming-Provider übertragen, der es für alle Teilnehmer quasi in Echtzeit abrufbar macht.“

Potenzielle Schwachstelle

Ein möglicher Single Point of Failure (SPOF): Fällt die Internetverbindung vom Studio zum Streaming-Provider aus, bleiben die Bildschirme draußen schwarz und es gibt keine Möglichkeit, die Teilnehmer schnell über die Dauer der Störung zu informieren. „Das ist veranstaltungsgefährdend, weshalb wir seit jeher mit zwei Internet-Anbietern parallel agieren“, so der Geschäftsführer, „aber das war nicht genug, die Umschalt- und Wiederkehrzeiten von schlechtestenfalls bis zu 15 Minuten zu viel für Live-Events“. Schon nach zehn Minuten Sendepause ist erfahrungsgemäß die Hälfte der Zuschauer weg.

Das ganze System 
passt in ein Flightcase.
Das ganze System passt in ein Flightcase.Bild: BESL Eventagentur GmbH & Co. KG

Die Automatisierer helfen aus

Die Lösungsfindung beschleunigt haben schließlich mehrere Live-Events für die Division Digital Industries, also die Automatisierungssparte von Siemens. Wobei deren Event-Verantwortliche an der Seite des BESL-Teams standen. Da die Internetverbindungen überzeugten, war der Handlungsbedarf klar. Die Netzwerkspezialisten von Siemens machten sich daran, die Internet-Anbindung hot-swap-fähig redundant auszuführen. Was bedeutete, deren Verfügbarkeit laufend zu überwachen und bei einem Ausfall einer Verbindung automatisch auf die andere umzuschalten. So, dass die Teilnehmer idealerweise nichts davon mitbekommen. Ein Sonderwunsch war noch eine Visualisierung der gerade aktiven Verbindung.

Einfach per Switch gelöst

Als praktikabel und dynamisch genug erwies sich letztendlich eine Kombination aus zwei sogenannten Industrial Security Appliances Scalance SC600 von Siemens. Diese sorgen mit ihren Funktionen normalerweise für IT-Security von Fertigungszellen im Industrieumfeld. In diesem Fall war aber entscheidend, dass sich die Geräte zu einer logischen Gruppe, zu einem virtuellen Router, zusammenfassen lassen, bei Bedarf auch mit weiteren Routern. Sie unterstützen dafür das Virtual Router Redundancy Protocol (VRRP) mit Redundanz auf Layer 3. Bei einem Ausfall oder Fehler des als Master definierten Routers der logischen Gruppe wird unmittelbar und automatisch auf das jeweils andere Gerät umgeschaltet. Mit zwei verschiedenen Internet-Anbietern – und möglichst unterschiedlichen Übertragungstechnologien wie Mobilfunk (5G) und Glasfaser lässt sich mit wenig Aufwand eine redundante Internet-Verbindung realisieren. Dabei bleiben die einmal vergebenen IP-Adressen der Netzwerkteilnehmer (Kameras, PCs etc.) am Set bei einem Router-Ausfall erhalten. Das reduziert eventuelle Downtimes wesentlich. Bei mehreren Simulationen unter Praxisbedingungen wurden damit Wiederkehrzeiten von unter fünf Sekunden erreicht. Das wird in Verbindung mit dem üblichen Streaming-Puffer von den Teilnehmern kaum wahrgenommen.

Integrier- und austauschbar

Die Appliances sind in vorhandene Netzwerke integrierbar, ohne Teilnehmer rekonfigurieren oder neue IP-Subnetze einrichten zu müssen. Über vier elektrische und zwei Combo-Ports mit maximal 1.000MBit/s lassen sich weitere Teilnehmer anschließen und in Virtual LANs (VLANs) clustern. Sollte ein Gerät einmal ausfallen, ist es ohne Programmiergerät und Spezialwissen austauschbar, da die Konfigurationsdaten auf einem C-Plug-Wechselmedium gespeichert sind.

Ein IoT-Gateway visualisiert die jeweils 
aktive Internetverbindung.
Ein IoT-Gateway visualisiert die jeweils aktive Internetverbindung.Bild: BESL Eventagentur GmbH & Co. KG

Sind wir online?

Um den bereits erwähnten Sonderwunsch umzusetzen, haben die Siemens-Techniker ein Industrial IoT-Gateway deas Typs Simatic IOT2050 integriert. Mit der grafischen Entwicklungsumgebung Node-RED wurde eine Software entwickelt, die wesentliche Verwaltungsinformationen über das Simple Network Management Protocol (SNMP) von den Routern einliest. Bei einer Wertänderung, etwa einem Wechsel des Backup-Routers auf Master, wird ein SNMP-Mechanismus aktiviert. Derartige Wertänderungen werden über Node-RED verarbeitet, neue Ausgangsparameter gesetzt und über zwei Leuchtmelder signalisiert. Wobei immer nur der Leuchtmelder des Routers mit der aktiven Internet-Verbindung aufleuchtet. Solange immer eine Lampe leuchtet, ist also für die Crew alles im grünen Bereich.

Plug And Play im Flightcase

Für Christian Pellenz ist damit ein großer Wurf gelungen. „Siemens hat die Redundanz für uns Plug and Playable gemacht, so dass wir nur zwei LAN-Kabel stecken müssen und sicher sein können, dass unter normalen Umständen immer eine der beiden Internet-Anbindungen steht. Einer von zwei Leuchtmeldern zeigt immer die jeweils aktive Verbindung an und signalisiert ‚Go‘. Auch das nimmt dem Team etwas von der sonst üblichen Anspannung“, sagt der Event-Profi. In ein Flightcase integriert, ist das System transportabel und prinzipiell überall sofort einsetzbar.

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