Sven Lüttgens, Gebra-IT:“Bis 2026 wird zu 70 Prozent mit Low-Code entwickelt“

0:000:00

Sven Luettgens
Bild: Gebra-IT GmbH/ Jemima Frank

Herr Lüttgens, Sie positionieren Ihre Low-Code-basierte Software als Alternative zu umfangreichen und oft kostspieligen ERP-Anwendungen am Markt. Womit wollen Sie Interessenten überzeugen?

Sven Lüttgens: Zunächst durch Schnelligkeit und Effizienz. Mit Low-Code lässt sich die ERP-Implementierung deutlich schneller umsetzen. Prozessanpassungen gelingen in Minuten statt Wochen. Insgesamt ist der Prozess zehnmal schneller als bei Standardsoftware. Schneller kann eine ERP-Implementierung kaum sein. Der zweite Aspekt ist die Möglichkeit der passgenauen Individualisierung. Wir starten mit unserem Basis-ERP, das bereits alle grundlegenden ERP-Prozesse beinhaltet. Dies wird dann exakt auf die Anforderungen des Kunden zugeschnitten. Dabei wird die Software an die spezifischen Abläufe der Unternehmen angepasst. Drittens haben sich die ERP-Systeme von Gebra-IT sowohl bei kleinen als auch großen Kunden in verschiedensten Branchen bewährt – von der US-Armee über Lebensmittelhersteller bis hin zu Sportvereinen.

In welchen Branchen und Unternehmenstypen sehen Sie das größte Potenzial bei derart anpassbaren ERP-Systemen, und warum?

Sven Lüttgens: Zunächst weisen mittelständische Fertigungs- und Handelsunternehmen oft komplexe, spezifische Prozesse auf und haben einen hohen Automatisierungsbedarf. Zudem sind sie meist wachstumsorientiert. Flexible ERP-Lösungen sind hier ideal, weil sie sich schnell an verändernde Prozesse anpassen lassen. Auch das Projektgeschäft und der Dienstleistungssektor kommen infrage. Sie zeichnen sich häufig durch komplexe Abrechnungsmethoden aus und müssen ihre ERP-Software auf die Schnittstelle zwischen Projektmanagement und Warenwirtschaft abstimmen. Die dritte Gruppe sind Unternehmen mit spezialisierten Nischenprozessen. Hier passt Standardsoftware oft nicht zu den besonderen Anforderungen, sodass ein hoher Bedarf an maßgeschneiderten Lösungen besteht.

Welches technologische Gerüst steckt hinter dem Low-Code-System?

Sven Lüttgens: Zunächst eine Cloud-Infrastruktur, die auf Microsoft Azure aufbaut und damit eine hochverfügbare Server-Architektur bietet. Die Daten werden in deutschen Rechenzentren gespeichert, was eine hohe Datensicherheit sicherstellt. Zweitens basiert die Entwicklungsplattform auf einer Eigenentwicklung, die moderne Webtechnologien wie JSON, SQL und JavaScript nutzt. Sie setzt auf interpretative Codegenerierung statt Kompilierung, wodurch Änderungen unmittelbar umgesetzt und getestet werden können. Drittens besitzt das System eine umfangreiche Schnittstellenstruktur. Es stehen Standard-APIs zur Integration mit externen Systemen bereit. Und die Architektur ermöglicht es, individuelle Anbindungen vorzunehmen. Fremdsysteme können nativ integriert werden.

Es gibt Einschränkungen. Eine zu starke Individualisierung zu einem unübersichtlichen System führen. Zudem stoßen Low-Code-Systeme bei hoch spezialisierten Funktionen wie komplexen mathematischen Berechnungen oder speziellen Grafikfunktionen an ihre Grenzen und können klassische Programmierung erfordern.
„Es gibt Einschränkungen. Eine zu starke Individualisierung zu einem unübersichtlichen System führen. Zudem stoßen Low-Code-Systeme bei hoch spezialisierten Funktionen wie komplexen mathematischen Berechnungen oder speziellen Grafikfunktionen an ihre Grenzen und können klassische Programmierung erfordern.“ – Bild: Gebra-IT GmbH

Welche Bezugsmodelle gibt es für Ihre Cloud-native Software?

Sven Lüttgens: Sie ist in zwei Bezugsmodellen verfügbar. Standardmäßig wird sie als SaaS-Modell angeboten, bei dem eine monatliche Nutzungsgebühr erhoben wird. Dieses Modell umfasst die Cloud-Infrastruktur und regelmäßige Updates und lässt sich je nach Anzahl der Nutzer und den benötigten Modulen skalieren. Darüber hinaus sind auch kundenspezifische Vereinbarungen wie Hybrid-Lösungen zwischen Cloud und On-Premise bis hin zur vollständigen On-Premise-Installation ohne Verbindung zum Internet möglich. Diese sind für Kunden mit besonderen Anforderungen gedacht, die z.B. eine private Cloud oder individuelle Lizenzvereinbarungen benötigen. Beide Modelle bieten kontinuierliche Weiterentwicklung, regelmäßige Release-Pakete und professionellen Support.

Wie lösen Sie in Ihrem System Fragen der technischen Skalierbarkeit und die Integration mit bestehenden IT-Architekturen von Produktion über Büro bis zum Engineering?

Sven Lüttgens: Die technische Skalierung erfolgt über die Cloud-Infrastruktur von Microsoft Azure, die eine automatische Anpassung der Ressourcen ermöglicht und standortübergreifende Nutzung unterstützt. Die Prozessintegration wird durch standardisierte Schnittstellen wie REST und EDI erreicht. Auch die Anbindung von Produktionsmaschinen ist kein Problem. Und mobile Apps stehen für Shopfloor und Außendienst bereit. Für einen reibungslosen Datenaustausch sorgt die Echtzeit-Synchronisation, die eine bidirektionale Integration mit Geräten wie Bizerba-Waagen und Scannersystemen bietet.

Wie können Anwender Zukunftssicherheit bei künftigen Entwicklungen und Updates im Low-Code-System herstellen, um etwa bei branchenspezifischen Anforderungen aktuell zu bleiben?

Sven Lüttgens: Ändern sich aktuelle Anforderungen, werden diese natürlich von uns in den Systemen unserer Kunden bereitgestellt. Ein Beispiel hierfür ist die E-Rechnung, die ab diesem Jahr verpflichtend ist und allen Kunden ohne zusätzliche Kosten zur Verfügung steht.

Welche Grenzen sehen Sie beim Low-Code-Ansatz für ERP-Prozesse oder daran angrenzende, insbesondere bei hoch spezialisierten Anforderungen?

Sven Lüttgens: Es gibt Einschränkungen. Erstens kann eine zu starke Individualisierung zu einem unübersichtlichen System führen, weshalb eine klare Prozessdefinition und erfahrene Berater mit fundiertem IT- und Prozesswissen unerlässlich sind. Zudem stoßen Low-Code-Systeme bei hoch spezialisierten Funktionen wie komplexen mathematischen Berechnungen oder speziellen Grafikfunktionen an ihre Grenzen und können klassische Programmierung erfordern, die an den entsprechenden Stellen im Low-Code System angedockt werden kann.

Mit welchem Aufwand müssen Anwender bei Schulungen und Einarbeitungen für den Betrieb Ihres Low-Code-Systems rechnen?

Sven Lüttgens: Endanwender benötigen nur ein bis zwei Tage Grundschulung und können den Rest im laufenden Betrieb erlernen. Es gibt keine überladenen Apps, sondern einfach strukturierte Prozesse und das Wording des Kunden wird beachtet. Für Citizen Developer und ERP-Consultants sind fünf bis sieben Tage Grundausbildung vorgesehen, die durch eine Praxisbegleitung bei den ersten Projekten ergänzt wird. Mitarbeiter mit ERP-Vorkenntnissen sind oft bereits nach zwei bis drei Wochen voll einsatzbereit.

Es gibt Einschränkungen. Eine zu starke Individualisierung zu einem unübersichtlichen System führen. Zudem stoßen Low-Code-Systeme bei hoch spezialisierten Funktionen wie komplexen mathematischen Berechnungen oder speziellen Grafikfunktionen an ihre Grenzen und können klassische Programmierung erfordern.
„Wir haben die Anforderungen des Kunden umgesetzt und dabei alle
Funktionen der Plattform ausgeschöpft. Das Ergebnis: hohe Transparenz, Anpassungsfähigkeit und Reduzierung von manuellen Prozessen und Fehlern. Planemos spart durch uns ca. 20 Prozent der Zeit ein. Auch für Sonderfälle reicht jetzt ein Knopfdruck.“ – Bild: Gebra-IT GmbH

Ihre Kundenreferenzen auf der Homepage sind interessant, ganz große Kaliber scheinen nicht darunter zu sein. Wollen Sie anhand eines abgeschlossenen ERP-Projektes Ihrer Wahl skizzieren, was ihr System in der Praxis leistet?

Sven Lüttgens: Ein gutes Beispiel ist die Planemos GmbH aus Erlangen. Das Unternehmen ist Spezialist in der Automatisierung von rezepturgesteuerten Lebensmittelprozessen. Planemos wollte auch für sich selbst eine maximale Automatisierung der eigenen Unternehmensprozesse. Ihre IT-Systemlandschaft besaß zu viele Insellösungen. Das System war komplex, wartungsintensiv und fehleranfällig. Low-Code kam da wie gerufen. Wir haben die Anforderungen des Kunden umgesetzt und dabei alle Funktionen der Plattform ausgeschöpft. Das Ergebnis: hohe Transparenz, Anpassungsfähigkeit und Reduzierung von manuellen Prozessen und Fehlern. Planemos spart durch uns ca. 20 Prozent der Zeit ein. Auch für Sonderfälle reicht jetzt ein Knopfdruck. Und wenn sich mal was ändert: Die Mitarbeitenden von Planemos können selbst mit wenigen Klicks Änderungen oder Ergänzungen vornehmen, ein wirklich schönes Projekt.

Welche Möglichkeiten bietet Ihr Baukasten für Produktionsunternehmen, Prozesse und Anwendungen im Segment Smart Manufacturing oder IoT/IIoT anzubinden?

Sven Lüttgens: Da gibt es einige. Bei Maschinenanschlüssen ermöglicht das System eine bidirektionale Maschinenanbindung, eine automatische Datenerfassung von Sensoren und Produktionsanlagen und Echtzeit-Monitoring. Was die Datenverarbeitung anbelangt, können wir mit automatischer Bestandsführung und Qualitätssicherung durch Echtzeit-Kontrolle punkten. Und bei der Prozessautomatisierung sind automatische Materialbestellungen bei Mindestbestand, mobile Apps für Shopfloor-Management und die Anbindung von IoT-Geräten möglich.

Wie adressieren Sie die Anforderungen von global agierenden Produktionsunternehmen?

Sven Lüttgens: Die Plattform unterstützt Mehrsprachigkeit und ist mandantenfähig, was den Einsatz in mehreren Standorten ermöglicht. Sie erfasst zudem internationale Handelsanforderungen und verschiedene Währungen oder Steuersysteme. Auch dem Sicherheitsaspekt wird Rechnung getragen: Das Hosting erfolgt in deutschen Rechenzentren mit rollenbasierten Zugriffsrechten und einem Audit-Trail für alle Prozesse, um internationale Compliance-Vorgaben zu erfüllen. Standardisierte Schnittstellen, EDI für internationale Handelspartner und Cloud-basierter Zugriff weltweit gewährleisten eine zentrale Datenhaltung und einen flexiblen Austausch über Ländergrenzen hinweg.

Kein Fachtext ohne künstliche Intelligenz: Wie verhält sich Gebra-IT zu diesen aufstrebenden Technologien?

Sven Lüttgens: Aktuell setzen wir KI-gestützte Prozessautomatisierung, intelligente Dokumentenerkennung und KI-Bausteine für die Integration in Prozesse ein. Unser Entwicklungsfokus für die Zukunft liegt vor allem auf Co-Pilot für die App-Erstellung in der Low-Code-Plattform, automatischer Anomalie-Erkennung, intelligenter Entscheidungsunterstützung und selbstlernender Prozessoptimierung. Wir verfolgen im Bezug auf KI einen sehr pragmatischen Ansatz. Wir nutzen KI nur, wo sie sinnvoll einsetzbar ist und transparente Lösungen liefert.

Welche Trends beobachten Sie ansonsten bei traditionellen ERP-Anbietern, und welche in der Low-Code-Welt?

Sven Lüttgens: Traditionelle ERP-Anbieter forcieren momentan einen Cloud-Umstieg, haben einen Nachholbedarf bei Flexibilität und Probleme mit Legacy-Systemen. Die Komplexität verursacht zudem sehr hohe Kosten. Den Low-Code-Trend sehen wir im starken Marktwachstum, Aufstieg der Citizen-Developer, der KI-Integration und zunehmender Enterprise-Adoption. Unsere Prognose: Low-Code wird bis 2026 über 70 Prozent der Anwendungsentwicklung ausmachen.



  • Vernetzte Systeme im Vorfeld testen

    Vernetzte Systeme im Vorfeld testen

    Wechselnde Umgebungsbedingungen durch Ad-hoc-Vernetzung, ständige Rekonfigurationen bedingt durch kleine Losgrößen und Softwareupdates im Feld sind Indikatoren dafür, dass das Testen von Systemen im laufenden Betrieb zunehmend an Bedeutung gewinnt. Um…

    mehr lesen: Vernetzte Systeme im Vorfeld testen

  • Unternehmen gewichten Technologie und Qualifizierung gleich

    Unternehmen gewichten Technologie und Qualifizierung gleich

    Unternehmen mit KI-Projekten sind dann am erfolgreichsten, wenn die Qualifizierung der eigenen Mitarbeiter den gleichen Stellenwert wie Investitionen in intelligente Technologien hat. Dazu gehört auch das Schaffen einer Lernkultur, die…

    mehr lesen: Unternehmen gewichten Technologie und Qualifizierung gleich

  • Wie ist der Stand der Industrie 4.0?

    Wie ist der Stand der Industrie 4.0?

    Von Februar bis April befragte der Digitalverband Bitkom Industrieunternehmen nach dem Stand der Digitalisierung. Im Vergleich zur Studie von vor zwei Jahren zeigt sich eine positive Entwicklung.

    mehr lesen: Wie ist der Stand der Industrie 4.0?

  • Weniger Ausfuhren, Entspannungstendenzen aus China

    Weniger Ausfuhren, Entspannungstendenzen aus China

    Aufgrund der Corona-Pandemie sind die Exporte der deutschen Maschinenbauer im ersten Quartal gesunken — im Vergleich zum Vorjahr um 6,6 Prozent.

    mehr lesen: Weniger Ausfuhren, Entspannungstendenzen aus China

  • Unternehmen wollen nach Corona digitaler werden

    Unternehmen wollen nach Corona digitaler werden

    63 Prozent der KMU rechnen laut einer McKinsey-Befragung mit einem Umsatzrückgang im aktuellen Quartal. Dennoch blicken 77 Prozent nach wie vor positiv in die Zukunft.

    mehr lesen: Unternehmen wollen nach Corona digitaler werden

  • SmartFactory-KL präsentiert Production Level 4 Demonstrator

    SmartFactory-KL präsentiert Production Level 4 Demonstrator

    Im Production Level 4 Demonstrator stellt die SmartFactoty-KL neue Produktionstechniken vor — ein Update der Industrie 4.0.

    mehr lesen: SmartFactory-KL präsentiert Production Level 4 Demonstrator

  • Welche Vorteile bringt Servitization für die Fertigung

    Welche Vorteile bringt Servitization für die Fertigung

    Unternehmen, die dank digitaler Technologien auf Servitization setzen, können laut einer Studie 30 Prozent mehr Umsätze im Service-Bereich erzielen, als ihre Mitbewerber.

    mehr lesen: Welche Vorteile bringt Servitization für die Fertigung

  • TeDo Verlag erwirbt agt Verlag

    TeDo Verlag erwirbt agt Verlag

    Der TeDo Verlag erweitert sein Fachmedienportfolio und hat die Medienmarken des agt Verlags aus Ludwigsburg übernommen.

    mehr lesen: TeDo Verlag erwirbt agt Verlag

  • Partnerschaft zwischen Easy Software und Rhenus

    Partnerschaft zwischen Easy Software und Rhenus

    Easy Software und Rhenus Office Systems gehen eine strategische Partnerschaft ein, um Kunden eine Rundumlösung für ihr Dokumentenmanagement zur Verfügung zu stellen.

    mehr lesen: Partnerschaft zwischen Easy Software und Rhenus

  • André Panné ist neuer Geschäftsführer der GIS

    André Panné ist neuer Geschäftsführer der GIS

    Die GIS hat einen neuen Geschäftsführer ernannt. André Panné löst Dr. Ansgar Niehof beim Spezialisten für Instandhaltungslösungen im Segment Industrie ab.

    mehr lesen: André Panné ist neuer Geschäftsführer der GIS

  • Industrielle Netzwerke schützen

    Industrielle Netzwerke schützen

    Die neuen Security-Router der Serie FL MGuard 1100 von Phoenix Contact ermöglichen einen einfachen und preiswerten Schutz von industriellen Netzen vor IT-Angriffen. Der reduzierte Funktionsumfang erlaubt es, die Geräte auch…

    mehr lesen: Industrielle Netzwerke schützen

  • Selbstlernende KI-Appliance

    Selbstlernende KI-Appliance

    Fortinet stellt FortiAI vor. Die On-Premises KI-Appliance nutzt selbstlernende tiefe neuronale Netze, um Sicherheitsanalysen durchzuführen und die Bedrohungsbeseitigung zu beschleunigen.

    mehr lesen: Selbstlernende KI-Appliance