T-Systems / Drees & Sommer: „Eine andere Art der Fabriksteuerung wird möglich“

353978 Gorodenkoff AdobeStock 1222222636
Bild: ©Gorodenkoff/stock.adobe.com

Können Sie die Begriffe Metaverse und Omniverse voneinander abgrenzen? Was verbirgt sich dahinter?

Christian Hort: Das Metaverse-Konzept bringt digitale und physische Objekte zusammen. Daten, etwa von Maschinen oder AGVs, werden physikalisch korrekt im virtuellen Raum abgebildet. Diese Räume haben Bestand: In ihnen kann man simulieren. Das Omniverse selbst ist eine Datenplattform mit unterschiedlichen Tools, um eben diese Simulationen durchzuführen.

Mathias Stach: Das Metaverse gibt es in verschiedenen Ausführungen. Im Industrie-Kontext etwa das Industrial Metaverse. Nvidia mit seiner Plattform ist hier einer der Player.

Was verspricht das Omniverse für Industrieunternehmen?

Stach: Zu uns kommen Unternehmen, die beispielsweise Anpassungen im Brownfield vornehmen oder die Inbetriebnahme einer Produktionsumgebung absichern wollen. In solchen Projekten müssen viele unterschiedliche Player miteinander kommunizieren – etwa die Produktentwickler, die Gebäudeplaner und die Prozess- und Produktionsplaner. Ihnen allen ist gemein, dass sie zwar in ihren Spezialsystemen arbeiten, ihnen jedoch ein gemeinsamer Blick auf die gleiche Szene fehlt. Die Omniverse-Plattform bietet diese Möglichkeit. Daten werden zusammengeführt und in einer gemeinsamen Szene dargestellt. Das bringt Transparenz in den Planungsprozess. Auch lassen sich immer wieder Optimierungsschleifen drehen – und das physikalisch korrekt.

Dr Christian Hort 3
Dr. Christian Hort, Senior Vice President Automotive bei T-Systems Bild: T-Systems

Hort: Unternehmen können in der virtuellen Welt etwas experimentierfreudiger sein. Sollen etwa Fahrzeuge wie AGVs Teil des Produktionsprozesses werden, stellt das einen großen Planungsaufwand dar. Anhand eines digitalen Zwillings kann dies vorab simuliert werden.

Für welche Unternehmen eignet sich eine solche Plattform?

Stach: Die Projekte sind da, die Kunst liegt darin, diese so effizient wie möglich zu gestalten. Das gilt für Mittelständler genauso, wie für den Global Player – es ist immer ein Business Case. Je nach Szenario beginnt das bei einem unteren sechsstelligen Betrag.

Aus welchen Systemen kommen die Daten für das Omniverse? Und was bedeutet die Datenplattform für die bestehende Systemlandschaft?

Hort: Die Daten stammen aus unterschiedlichen Quellen. Das können etwa Authorentools wie CAD-Programme, Stücklisten oder PLM-Programme sein. Diese werden dann in das USD-Format (Universal Scene Description) konvertiert. Die Verbindung zum Omniverse ist jedoch nicht nur unidirektional, sondern bi-direktional. Daten werden also von der Omniverse-Plattform wieder an die Systeme zurückgespielt. Wichtig ist hier, dass die Plattform andere Systeme nicht ersetzt, sondern ein ergänzender Baustein in der Systemlandschaft ist.

Stach: Die Expertensysteme wird man immer benötigen. Es gibt jedoch auch Ansätze, in denen es darum geht, die alte Systemlandschaft zu verschlanken. Wichtig war uns im Omniverse-Kontext auch, dass es sich bei USD um ein Open-Source-Format handelt, das nicht an Nvidia gebunden ist. Wir gehen davon aus, dass sich dieser Standard etablieren wird.

Wo sehen sie Verbesserungsbedarf und Herausforderungen?

Hort: Die Datenqualität ist oft verbesserungswürdig und damit verbunden die semantische Qualität der unterschiedlichen Formate. Zudem sind nicht alle Daten relevant. Hier stellt sich etwa die Frage, ob Daten mit Edge Devices nah an der Maschine schon vorverarbeitet werden und nur die relevanten Daten zur Weiterverarbeitung an ein Rechenzentrum geschickt werden.

Stach: Zusätzlich gestalten sich die Herausforderungen je nach Branche unterschiedlich. Es geht zunächst darum, zu verstehen, was vor Ort los ist.

Sie sprechen von Einsparpotenzialen – so sollen sich etwa Planungszeiten um bis zu 33 Prozent verkürzen. Wie kommen diese Zahlen zu Stande?

Stach: Die Zahlen stammen aus konkreten Projekten – im Regelfall aus der Automobilindustrie. Wir haben dort Szenarien durchgespielt und konnten zeigen, dass im Vergleich zu einem Projekt ohne Industrial Metaverse bzw. Omniverse solche Effekte erzielt werden können. Die Einsparungen sind zum Teil sehr detailliert aufgeschlüsselt, bis auf einzelne Minuten oder Stunden im Planungsprozess und im Inbetriebnahmeprozess. Geht etwa im Planungsprozess einer neuen Anlage etwas schief- weil sich vielleicht Gebäude- und Anlagenplaner nicht sauber abgestimmt haben -, dann resultiert das in nachträglichen Anpassungen und Änderungen. Und das führt immer zu sogenannten Nachträgen, die schnell sechs- oder siebenstellige Summen kosten können. Wird nur ein Nachtrag durch die kollaborative Zusammenarbeit vermieden, hat sich das Projekt schon gerechnet.

Hort: Am Beispiel des Engineerings sieht man ebenfalls die Effekte. Mit der Plattform können Unternehmen unterschiedliche Szenarien durchlaufen lassen. So werden Fehler gefunden, die ohne diese Tools möglicherweise verborgen geblieben wären. Ich denke, das ist den Leuten in der Praxis auch bewusst: Wenn ich mit künstlicher Intelligenz Parameter überwache, erhalte ich – sollten die Werte außerhalb der Parameter liegen – viel früher Information aus dem virtuellen Zwilling, vielleicht sogar mit einem Handlungsvorschlag. Unternehmen mit verteilten Standorten können sich so eine andere Art der Fabriksteuerung erlauben. Parametrisierung und Steuerungsoptimierung und Frühwarnung erhalten mit einem digitalen Zwilling eine ganz andere Qualität.

Mathias Stach Drees und Sommer SE
Mathias Stach, Associate Partner Integrale Fabrikplanung bei Drees & Sommer Bild: Drees & Sommer SE

Wo wird die Reise des Metaverse aus Ihrer Sicht hingehen?

Hort: Ich denke, einen deutlichen Schritt nach vorne werden wir durch KI und konversationelle Agenten erleben. Die Vision ist, dass Anwender mit dem Digital Twin interagieren und komplexe Aufgaben platzieren, die das System dann in Subtasks auflöst und an verschiedene KI-Agenten verteilt. Das halte ich für eine enorme Verbesserung, die uns eine ganz andere Sicht auf die Produktionssituation erlaubt.

Stach: Ich sehe das genauso. Kurzfristig wird das Metaverse die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen und auch europäischen Fertigungsindustrie absichern. Daher ist es elementar, dass wir uns mit solchen Technologien beschäftigen. Der nächste mittelfristige Schritt muss dann sein, anhand des bi-direktionalen Datenflusses KI-Agenten aufzubauen und so noch mal effizienter zu werden. Und das werden wir brauchen. (mst)



  • Heute die Materialien von morgen modellieren

    Heute die Materialien von morgen modellieren

    Welche Faktoren bestimmen, wie schnell sich eine Batterie laden lässt? Dieser und weiteren Fragen gehen Forschende am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) mit computergestützten Simulationen nach.

    mehr lesen: Heute die Materialien von morgen modellieren

  • Eduard Daoud leitet Vertrieb der SQL Projekt AG

    Eduard Daoud leitet Vertrieb der SQL Projekt AG

    Seit Beginn des Jahres leitet Eduard Daoud das fünfköpfige Transconnect-Vertriebsteam der SQL Projekt AG. Für Unternehmensvorstand Stefan Ehrlich ein Schritt zu noch mehr Professionalisierung, der genau zum richtigen Zeitpunkt komme.

    mehr lesen: Eduard Daoud leitet Vertrieb der SQL Projekt AG

  • Altair übernimmt Cambridge Semantics

    Altair übernimmt Cambridge Semantics

    Mit Cambridge Semantics übernimmt Altair einen Spezialisten für Datenmanagement. Die Software des 2007 gegründeten Unternehmens soll RapidMiner-Plattform von Altair integriert werden.

    mehr lesen: Altair übernimmt Cambridge Semantics

  • Geschäftsklimaindex steigt auch im April

    Geschäftsklimaindex steigt auch im April

    Mit 89,4 Punkten liegt der Geschäftsklimaindex des Ifo-Instituts im April 2024 1,5 Punkte über dem Wert des Vormonats. Die Wirtschaftsforscher führen den Anstieg vor allem auf Entwicklungen im Dienstleistungssektor zurück.

    mehr lesen: Geschäftsklimaindex steigt auch im April

  • Fachforum beleuchtet KI-Potenzial und gibt rechtliche Tipps

    Fachforum beleuchtet KI-Potenzial und gibt rechtliche Tipps

    Welche Rolle künstliche Intelligenz (KI) und Automatisierung für die additive Fertigung spielen, erörtert das Forum Software, KI & Design, das am 15. Mai auf der Rapid.Tech 3D (14. bis 16.…

    mehr lesen: Fachforum beleuchtet KI-Potenzial und gibt rechtliche Tipps

  • OPC Foundation startet KI-Arbeitsgruppe und Cloud-Initiative

    OPC Foundation startet KI-Arbeitsgruppe und Cloud-Initiative

    Die OPC Foundation hat die Arbeitsgruppe ‚OPC UA for AI’ gegründet. Zudem wurde eine Cloud-Initiative gestartet, um die Interoperabilität zwischen IT- und Cloud-Plattformen auf Basis von OPC UA zu fördern.

    mehr lesen: OPC Foundation startet KI-Arbeitsgruppe und Cloud-Initiative

  • Insys Icom beruft zweiten Geschäftsführer

    Insys Icom beruft zweiten Geschäftsführer

    Die Insys Icom hat einen zweiten Geschäftsführer. Gemeinsam mit Unternehmensgründer Eduard B. Wagner steht seit 1. April Florian Froschermeier an der Spitze des Regensburger Unternehmens.

    mehr lesen: Insys Icom beruft zweiten Geschäftsführer

  • USA bleiben Technologieführer

    USA bleiben Technologieführer

    Bei den Schlüsseltechnologien liegen die USA nach wie vor vor China. Zwar meldet China inzwischen mehr Patente an als die USA, laut einer Analyse — an der unter anderem das…

    mehr lesen: USA bleiben Technologieführer

  • IFM und Microsoft vereinbaren Partnerschaft

    IFM und Microsoft vereinbaren Partnerschaft

    Im Rahmen der Hannover Messe haben Microsoft und IFM Electronic eine Partnerschaft bekannt gegeben. Ein erstes Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist das Azure-basierte Modul RemoteConnect für Fernwartung und Überwachung.

    mehr lesen: IFM und Microsoft vereinbaren Partnerschaft

  • Igus übernimmt Atronia

    Igus übernimmt Atronia

    Igus hat im März die mehrheitlichen Anteile am portugiesischen Unternehmen Atronia Tailored Sensing erworben. Mit diesem strategischen Schritt will Igus auf dem Markt der vernetzten Kunststoffbauteile weiter expandieren. Ziel ist…

    mehr lesen: Igus übernimmt Atronia

  • Open Community Experience feiert Premiere in Mainz

    Open Community Experience feiert Premiere in Mainz

    Vom 22. bis 24. Oktober 2024 feiert die OCX in Mainz Premiere und bringt Open Source Communities zusammen. Der Fokus der Veranstaltung liegt auf den Bereichen Automotive und Mobility, Development…

    mehr lesen: Open Community Experience feiert Premiere in Mainz

  • Stehen humanoide Roboter bald am Fließband?

    Stehen humanoide Roboter bald am Fließband?

    Humanoide Roboter könnten ab 2025 serienreif sein. Das prognostiziert die Managementberatung Horváth und geht weiter davon aus, dass sich mit diesen Robotern mehr als 50 Prozent der manuellen Tätigkeiten automatisieren…

    mehr lesen: Stehen humanoide Roboter bald am Fließband?