Fragmentierte Regulierung: Verpasst die EU den Anschluss im KI-Zeitalter?

Das Wort Kuenstliche Intelligenz im Buch mit Textmarker markiert
Bild: ©Nico/stock.adobe.com

Vertreter aus Wirtschaft, Forschung und Technologie – darunter auch Börje Ekholm, Präsident und CEO des 5G- und Mobilfunkausrüsters Ericsson – haben einen offenen Brief unterzeichnet, in dem die Unterzeichnenden die politischen Entscheidungsträger und Regulierungsbehörden zum Handeln und zur Förderung der KI-Entwicklung in Europa auffordern. Europa laufe Gefahr, aufgrund uneinheitlicher regulatorischer Entscheidungen weiter zurückzufallen, heißt es in dem Schreiben, das von Meta initiiert wurde.

Der Offene Brief an die Europäische Union im Wortlaut:

„Wir sind eine Gruppe von Unternehmen, Forschern und Institutionen, die in Europa fest verankert sind und für Hunderte von Millionen Europäern arbeiten. Wir möchten den Erfolg und das Wachstum Europas, auch auf dem Gebiet der KI-Spitzenforschung und -Technologie fördern. Doch die Realität ist eine andere: Europa ist im Vergleich zu anderen Regionen weniger wettbewerbsfähig und weniger innovativ geworden. Europa läuft nun Gefahr, im Zeitalter der KI aufgrund uneinheitlicher regulatorischer Entscheidungen weiter zurückzufallen. Ohne eine einheitliche Regelung wird die EU zwei Eckpfeiler der KI-Innovation vernachlässigen. Der erste ist die Entwicklung offener Modelle, die jedem kostenlos zur Verfügung gestellt werden, um sie zu nutzen, zu verändern und weiterzuentwickeln und so den Nutzen zu vervielfachen und soziale und wirtschaftliche Chancen zu verbreiten. Offene Modelle stärken die Souveränität und die Kontrolle, indem sie es Organisationen ermöglichen, die Modelle herunterzuladen und zu verfeinern, wo immer sie wollen, so dass sie ihre Daten nicht mehr an externe Stellen übermitteln müssen. Das zweite sind die neuesten multimodalen Modelle, die mit Text, Bildern und Sprache arbeiten und den nächsten Entwicklungssprung in der KI ermöglichen werden. Der Unterschied zwischen textbasierten und multimodalen Modellen ist vergleichbar mit dem Unterschied, zwischen nur einem und allen fünf Sinnen zu haben.

Offene Modelle aus der EU – textbasiert oder multimodal – können die Produktivität steigern, die wissenschaftliche Forschung vorantreiben und die europäische Wirtschaft um Hunderte von Milliarden Euro bereichern. Öffentliche Einrichtungen und Forschung nutzen diese Modelle bereits, um die medizinische Forschung (huggingface.co zu beschleunigen und Sprachen zu bewahren (huggingface.co , während etablierte Unternehmen und Start-ups Zugang zu Tools erhalten, die sie selbst niemals entwickeln oder sich leisten könnten. Ohne diese Modelle wird die Entwicklung der KI anderswo stattfinden – und den Europäern die technologischen Fortschritte vorenthalten, die in den USA, China und Indien erzielt werden. Forschungen gehen davon aus, dass generative KI das weltweite BIP in den kommenden zehn Jahren (www.jpmorgan.com um 10 Prozent steigern könnte und dieses Wachstum sollte den EU-Bürgern nicht vorenthalten werden.

Die Fähigkeit der EU, im Bereich von KI mit anderen Regionen zu konkurrieren und die Vorteile von Open-Source-Modellen zu nutzen, beruht auf ihrem Binnenmarkt und einem gemeinsamen Regulierungsrahmen. Wenn Unternehmen und Institutionen zweistellige Milliardenbeträge in den Aufbau generativer KI für die europäischen Bürgerinnen und Bürger investieren wollen, benötigen sie klare und konsequent angewandte Richtlinien, die die Nutzung europäischer Daten ermöglichen. Doch in letzter Zeit ist die regulatorische Entscheidungsfindung uneinheitlich und unvorhersehbar geworden, während die Eingriffe der europäischen Datenschutzbehörden zu großer Unsicherheit darüber geführt haben, welche Arten von Daten zum Trainieren von KI-Modellen verwendet werden können. Das bedeutet, dass die nächste Generation von Open-Source-KI-Modellen und von Produkten und Dienstleistungen, die wir darauf aufbauen, europäisches Wissen, Kultur oder Sprachen nicht verstehen oder widerspiegeln wird.

Europa steht vor einer Entscheidung, die die Region für Jahrzehnte beeinflussen wird. Die EU kann sich dafür entscheiden, den Grundsatz der Harmonisierung zu bekräftigen, der in Rechtsrahmen wie der Datenschutzgrundverordnung verankert ist und eine moderne Auslegung der Bestimmungen der Datenschutzgrundverordnung anbieten, die die ihr zugrunde liegenden Werte respektiert, damit KI-Innovationen hier in gleichem Umfang und Tempo wie anderswo stattfinden. Oder sie kann sich weiterhin dem Fortschritt verweigern, den Ambitionen des Binnenmarktes widersprechen und dabei zusehen, wie der Rest der Welt Technologien entwickelt, zu denen die Europäer keinen Zugang mehr haben werden.

Wir hoffen, dass die europäischen politischen Entscheidungsträger und Regulierungsbehörden erkennen, was auf dem Spiel steht, wenn es keinen Kurswechsel gäbe. Europa kann es sich nicht leisten, sich die weitreichenden Vorteile verantwortungsvoll entwickelter offener KI-Technologien entgehen zu lassen, die das Wirtschaftswachstum beschleunigen und Fortschritte in der wissenschaftlichen Forschung freisetzen werden. Dafür brauchen wir harmonisierte, kohärente, schnelle und klare Entscheidungen im Rahmen der EU-Datenschutzvorschriften, die es ermöglichen, dass europäische Daten für KI-Trainings zum Nutzen der Europäer verwendet werden können. Entschlossenes Handeln ist erforderlich, um die Kreativität, den Erfindergeist und den Unternehmergeist zu fördern, die den Wohlstand, das Wachstum und die technische Führungsrolle Europas gewährleisten werden.“

Die Originalmeldung in englischer Sprache finden Sie hier: ots.de



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