MES-Implementierung beim Verpackungshersteller Linhardt

353887 Linhardt Team
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden aktiv in den digitalen Gestaltungsprozess miteinbezogen. Die gewonnenen Daten werden heute als Motivation gesehen, die Effizienz laufend zu verbessern und gesteckte Ziele zu erreichen oder gar zu übertreffen. – Bild: Linhardt Group GmbH

Seit 1943 entstehen in den Fertigungshallen der Linhardt Group Tuben, Aerosoldosen, Röhrchen und Fläschchen aus Aluminium und Kunststoff für die Bereiche Pharma, Health, Beauty. Auch der einer der bekanntesten Filzstifte und Textmarker – der Edding – geht beim niederbayerischen Unternehmen vom Band. Bei der Entwicklung der Produkte setzt das Unternehmen auf Recyclingfähigkeit, Materialreduzierung sowie den Einsatz von bis zu 100 Prozent post-consumer-recyceltem Material. Und auch in der strategischen Unternehmensausrichtung spielt das Thema Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle.

Die Transparenz fehlte

Jährlich gehen an den drei deutschen Linhardt-Standorten rund 1,5 Mrd. Stück Verpackungen vor allem aus Aluminium, aber auch Kunststoff, an insgesamt 37 Linien vom Band. Um bei diesen Zahlen den Überblick zu behalten, braucht es eine gewisse Transparenz direkt am Shopfloor, die so nicht immer gegeben war. An den Linien wurden nur wenige Zählwerte erfasst und für die Verplanung von Aufträgen konnte das Unternehmen – abgebildet in SAP-Software – auf Auftragsbeginn, Auftragsende und eine pauschale, ungenaue Gesamtrüstzeit zurückgreifen. Somit standen praktisch keine auswertbaren Daten für stabile und reproduzierbare Prozesse zur Verfügung. Die vorhandenen Informationen waren unzureichend und zu ungenau. Aufgrund der vielzahl an täglichen Aufträgen, konnte sich Linhardt auch nicht jeden einzelnen Auftrag individuell ansehen und einplanen. Das Unternehmen nahm dies zum Anlass und startete ein Digitalisierungsprogramm.

MDE, BDE, Feinplanung

Ziel war es, einerseits die Transparenz an den Linien zu erhöhen, um damit die Basis für weitere Optimierungen zu schaffen und andererseits auch, das bis dahin eingesetzte manuelle, tabellarisch aufgebaute Planungstool abzulösen. Fündig wurde Linhardt bei der Industrie Informatik und deren MES-Software Cronetwork mit Maschinen- und Betriebsdatenerfassung sowie Feinplanung APS. „Vor Projektstart haben wir an jeder Linie gerade mal vier Messwerte erfasst. Diese Zahl wollten wir auf mehr als 100 Werte entwickeln. Dazu zählten Stückzähler, Maschinenzustände, Störungen, Geschwindigkeiten, Temperaturwerte uvm. Zudem sollten auch Maschinen- und Einstellparameter in Zusammenhang mit dem Fertigungsmaterial erfasst werden.“ Die damit verbundenen Ziele waren optimierte Rüst- und Durchlaufzeiten und eine erhöhte Verfügbarkeit – kurz gesagt eine stark optimierte OEE (Overall Equipment Effectiveness)“, erinnert sich Robert Brückner, Director IT & Digitalization bei der Linhardt Group.

Vor allem das Thema Rüstzeit ist bei rund 50m langen und aus zwölf bis 15 Einzelmaschinen bestehenden Linien von Bedeutung für Effizienz und Leistung. „Wir haben die Linien und Maschinen in einzelne Komponenten aufgeteilt und mit dem Wissen der einzelnen Fachbereiche theoretische Rüstzeiten für Aktionen wie beispielsweise Klischee- und Farbwechsel ermittelt. Diese wurden in Rüstblöcke zusammengefasst und im MES abgebildet. Die zugrunde liegende Logik liefert uns auf dieser Basis heute realistische, faktenbasierte Soll-Rüstzeiten“, so Brückner. Zuvor wurden diese Informationen sehr pauschal im ERP-System abgebildet waren, was für eine genaue Planung bei einem großen Auftragsvolumen zu ungenau war. Heute liefern granulare und automatisch via MDE (Maschinendatenerfassung) erfasste Teilrüstzeiten Transparenz, um die Prozesse weiter optimieren zu können, während die Gesamtrüstzeiten wieder an das SAP-System gespielt werden.

Transparenz für Alle

Die Gegenüberstellung von Soll- und Ist-Rüstzeiten hat sich zu einer essenziellen Kennzahl für alle Unternehmensebenen entwickelt. Bei aller Komplexität im Hintergrund, wird die grafische und inhaltliche Darstellung in Kombination mit der Schichtleistung je Linie an nahezu jedem Arbeitsplatz für die Shopfloor-Mitarbeitenden aufbereitet. Brückner dazu: „Unsere Kolleginnen und Kollegen an den Linien sehen auf den ersten Blick, wo sie leistungsmäßig in ihrer aktuellen Schicht stehen und können daraus gegebenenfalls Anpassungen ableiten. Die Soll-Kurven bzgl. Rüstzeiten werden zu Beginn jeder Schicht neu berechnet, das heißt die angezeigten Daten beziehen sich immer auf die aktuelle, eigene Leistung.“ Auf die Frage, wie diese neue Transparenz angenommen wurde, meint Brückner weiter: „Wir haben unsere Kolleginnen und Kollegen aktiv in den Gestaltungsprozess eingebunden. Die Daten werden heute als Motivation gesehen, die Effizienz laufend zu verbessern und gesteckte Ziele zu erreichen oder gar zu übertreffen. Selbst unser Prämiensystem baut heute darauf auf.“

Auch für die Produktionsleitung ergaben sich validen Blick auf das Fertigungsgeschehen neue Möglichkeiten. Die Shopfloor-Daten werden unter anderem in einem Kiosk-Portal dargestellt, das entweder die aktuelle Leistung je Linie oder die Gesamtleistung in der Fertigung zeigt. Daraus können Maßnahmen ergriffen werden, sollten Rückstände oder Verzögerungen auftreten.

Von der Tabelle zur grafischen Plantafel

Neben Transparenz an den Fertigungslinien, stand auch die Anschaffung eines Planungstools ganz oben auf der Agenda bei Linhardt. Die bislang eingesetzte Plantafel stellte die Fertigungsaufträge ausschließlich in Listenform und tabellarisch dar. Sämtliche Planungsvorgänge, Sortierungen und Anpassungen mussten manuell vorgenommen werden und auch eine Integration in SAP S/4 Hana war nicht vorhanden. Robert Brückner: „Wir hatten ein in seinen Möglichkeiten stark limitiertes Tool für die Fertigungsplanung im Einsatz. Hinzu kam, dass das Wissen über Planungsprozesse ausschließlich in den Köpfen unserer Planer existierte, was natürlich auch ein gewisses Risiko mit sich brachte.“ Mit der Software Cronetwork Feinplanung APS stellten die Verantwortlichen auch die Feinplanung neu auf. „Unsere Gemba-Walks basieren heute auf den Daten und Informationen, die mittels MES zur Verfügung gestellt werden“, schildert Brückner. Gemba-Walks sind wöchentliche Zusammenkünfte von Verantwortlichen über alle Hierarchieebenen hinweg. Auf großen Touchscreens wird hier das aktuelle Fertigungsgeschehen digital dargestellt.

Ein Digitalisierungsboost

Neben den bereits erwähnten Optimierungen, ergeben sich noch weitere Effekte. So sind die Qualitätsanforderungen an Linhardt als Zulieferer für den Pharma- und Medizinbereich sehr hoch. In den damit verbundenen, regelmäßigen Audits können die benötigten Daten und Informationen heute per Knopfdruck geliefert werden.

„Unsere Entscheidungen rund um die Produktion basieren heute auf zuverlässigen Daten und Informationen. Diese Transparenz an den Linien kommt vor allem durch den Einsatz der MES-Software zustande und hilft uns enorm bei der Optimierung unserer Prozesse“, sagt Brückner.



  • Unternehmen sehen Notwendigkeit für mehr IoT-Sicherheit

    Unternehmen sehen Notwendigkeit für mehr IoT-Sicherheit

    Das Internet der Dinge ist für viele Unternehmen in Deutschland sowohl eine Chance als auch ein Risiko, so das Ergebnis einer aktuellen Studie im Auftrag von Palo Alto Networks.

    mehr lesen: Unternehmen sehen Notwendigkeit für mehr IoT-Sicherheit

  • Gaia-X-Mitglieder unterzeichnen Gründungsurkunde

    Gaia-X-Mitglieder unterzeichnen Gründungsurkunde

    Die Gründungsmitglieder der Gaia-X-Initiative haben die Gründungsurkunden zur Gaia-X AISBL unterzeichnet. Interessierte Unternehmen und Initiativen sind aufgerufen, sich an der gemeinnützigen Vereinigung zu beteiligen.

    mehr lesen: Gaia-X-Mitglieder unterzeichnen Gründungsurkunde

  • TÜV-Verband fordert Regulierung von KI-Anwendungen

    TÜV-Verband fordert Regulierung von KI-Anwendungen

    Der TÜV-Verband fordert in einem Positionspapier KI-gestützte Anwendungen und Systeme — etwa automatisierte Fahrzeuge oder Roboter — in Abhängigkeit vom Risiko zu regulieren.

    mehr lesen: TÜV-Verband fordert Regulierung von KI-Anwendungen

  • Was es bei der Container-Nutzung zu beachten gilt

    Was es bei der Container-Nutzung zu beachten gilt

    Die Nutzung von Containertechnologien steigt, was aber gilt es bei der Auswahl zu beachten? Der Software-Entwickler Red Hat gibt Antworten darauf.

    mehr lesen: Was es bei der Container-Nutzung zu beachten gilt

  • Kulturelle Werte ebenso wichtig wie die technologische Innovation

    Kulturelle Werte ebenso wichtig wie die technologische Innovation

    Wenn Unternehmen Digitalisierungsprojekte angehen, tun sie dies oft mit einem externen Partner. Die Frage ist nur mit welchem? IFS hat in einer Studie ermittelt, welche Faktoren bei der Auswahl eine…

    mehr lesen: Kulturelle Werte ebenso wichtig wie die technologische Innovation

  • Software-as-a-Service für die Fertigung

    Software-as-a-Service für die Fertigung

    Die Komplexität des Maschinenparks erschwert es oft, geeignete Parameter für den optimalen Betrieb zu definieren. Hier kommt das Startup FactoryPal ins Spiel, das mit seiner KI-basierten Lösung Abhilfe schaffen will.

    mehr lesen: Software-as-a-Service für die Fertigung

  • Karl Tucholski ist Head of Business Development bei Prime Computer

    Karl Tucholski ist Head of Business Development bei Prime Computer

    Karl Tucholski ist neuer Head of Business Development bei Prime Computer für Deutschland und Österreich.

    mehr lesen: Karl Tucholski ist Head of Business Development bei Prime Computer

  • Nachhaltige Industrie durch neue Technologien

    Nachhaltige Industrie durch neue Technologien

    Bitkom-Studie Nachhaltige Industrie durch neue Technologien Deutsche Unternehmen gehen davon aus, dass Industrie 4.0-Technologien zu einer Reduktion des CO2-Ausstoßes beitragen können. Viele Unternehmen haben sich bereits eine Selbstverpflichtung zu Senkung…

    mehr lesen: Nachhaltige Industrie durch neue Technologien

  • Nach dem Lockdown setzt Erholung ein

    Nach dem Lockdown setzt Erholung ein

    Die Deutsche Wirtschaft erholt sich langsam. Bis das Vorkrisenniveau erreicht wird, könnte es laut Bundeswirtschaftsministerium noch bis 2022 dauern.

    mehr lesen: Nach dem Lockdown setzt Erholung ein

  • Maschinenbau rechnet 2020 mit Produktionsrückgang von 17 Prozent

    Maschinenbau rechnet 2020 mit Produktionsrückgang von 17 Prozent

    Der Maschinen- und Anlagenbau kämpft gegen die Folgen der globalen Corona-Pandemie, aber auch gegen einen nach wie vor belastenden Protektionismus im internationalen Handel. Hinzu kommt ein industrieller Wandel, der sich…

    mehr lesen: Maschinenbau rechnet 2020 mit Produktionsrückgang von 17 Prozent

  • Fraunhofer IFF baut Forschungsstandort aus

    Fraunhofer IFF baut Forschungsstandort aus

    Das Fraunhofer IFF baut eine neue Forschungsfabrik im Magdeburger Wissenschaftshafen. Diese soll im Herbst 2021 fertig sein und neue Forschungsschwerpunkte beheimaten.

    mehr lesen: Fraunhofer IFF baut Forschungsstandort aus

  • KIT forscht an 6G-Technologien

    KIT forscht an 6G-Technologien

    Ein am KIT in Karlsruhe entwickeltes Konzept soll hohe Datenübertragungsraten bei niedrigen Kosten ermöglichen — für die sechste Generation des Mobilfunks. Dabei haben die Forscher die bislang höchste Datenrate in…

    mehr lesen: KIT forscht an 6G-Technologien