
Viele Unternehmen betreiben SAP S/4Hana als ERP-System in der Cloud, entweder Private, Public bei einem Hyperscaler oder im Rahmen von Rise oder Grow durch SAP. Doch ‚Cloud first‘ heißt nicht ‚Cloud only‘, speziell im industriellen Umfeld. Gerade Fertigungsunternehmen nutzen zahlreiche Systeme verschiedener Hersteller, die nach wie vor On-Premises im eigenen Rechenzentrum laufen. Das hat verschiedene Gründe. Die IT-Umgebungen sind meist historisch gewachsen und entsprechend heterogen und komplex verwoben – mit spezialisierten Systemen für die unterschiedlichsten Aufgaben oder rund um die teils betagten Maschinen herum. Zahlreiche auf die eigenen Prozesse zugeschnittene Softwarelösungen, beispielsweise für Lagerhaltung oder Qualitätsmanagement, sind etabliert, und immer wieder kommt Steuerungssoftware für neu angeschaffte Maschinen hinzu.
Vielfältige Architekturen
Diese bunte Mischung macht einen Betrieb im standardisierten Cloud-Umfeld alles andere als trivial. Ältere Anwendungen müssen mitunter durch Re-Platforming Cloud-fähig gemacht werden. Das betrifft oft Legacy-IT/OT-Tools und Strukturen, die nur auf alten – proprietären – Plattformen laufen und sich nicht einfach ersetzen lassen. Zwar ermöglichen Netzwerkprotokolle, die über Gateways konvertiert werden, in vielen Fällen eine Cloud-Nutzung, dabei gilt es jedoch, zwischen Aufwand und Nutzen abzuwägen. Sicherheitsbedenken spielen in Industrieunternehmen ebenfalls eine wichtige Rolle bei der häufigen Präferenz für das eigene Rechenzentrum. Über Jahrzehnte abgeschottete OT-Netzwerke, die teilweise noch auf Windows 95 oder gar DOS-basiert arbeiten, sind im Anlagenumfeld keine Seltenheit, und ihre Migration in die Cloud würde IT-Verantwortlichen einige schlaflose Nächte bereiten.
Was soll in die Cloud?
Relevant für die Entscheidung, eine Applikation in die Cloud zu verlagern, sind vor allem drei Faktoren: WAN-Performance, Verfügbarkeit und Nutzen. Der erste Punkt betrifft vor allem die Gefahr zu großer Latenzen. Gibt es im laufenden Betrieb immer wieder Unterbrechungen oder Verzögerungen, mindert das die Produktivität und schränkt die praktische Handhabung so stark ein, dass vonseiten der Werker keine Akzeptanz und Unterstützung zu erwarten ist. Verfügbarkeit spielt immer eine zentrale Rolle – auch in einem hybriden Umfeld müssen Prozesse komplett betrachtet werden. Dabei stellen sich Fragen wie ‚Wie lange funktioniert die Produktion ohne Aufträge aus dem ERP-System?‘ oder ‚Wie lange können Entnahmen aus dem Lager vorgenommen werden, ohne den Bestand nachzuführen?‘ Um hier eine gute Balance zu finden, bietet es sich an, genau die Daten in der Cloud zu lagern, die – beispielsweise für Prozessoptimierung – dauerhaft gespeichert und ausgewertet werden sollen. Zeitkritische Software für Maschinensteuerung, aber auch Rohdaten (Videos, Massendaten mit Informationen zu Betrieb und Messungen etc.) bleiben hingegen während der Verarbeitung on Edge, wenn Konsolidierung und Auswertung nicht direkt erfolgen.
Kritische Prozesse im Haus
Ein hybrides Betriebsmodell aus Cloud und lokalen On-Premises-Systemen ist für viele produzierende Unternehmen der goldene Mittelweg. Dabei werden je nach Verfügbarkeit und Nutzen Cloud-basierte Anwendungen gebucht und On-Premises-IT separat an die S/4Hana-Cloud angebunden. So können Unternehmen ihre kritischen Geschäftsprozesse und Daten lokal verwalten, während sie gleichzeitig Cloud-Funktionen einsetzen. Darüber hinaus können sie ihre IT-Kapazitäten bedarfsorientiert erweitern oder reduzieren und so schneller auf Marktveränderungen reagieren.
Tools für Cloud-Migrationen
SAP bietet für die Umsetzung verschiedene unterstützende Tools an: Cloud Platform Integration (CPI) ist eine Middleware, die die Anbindung von verschiedenen Systemen über standardisierte oder kundenspezifische Schnittstellen erleichtern soll. CPI bietet auch Funktionen für die Sicherheit, Überwachung und Fehlerbehandlung der Datenflüsse. Der SAP Cloud Connector (SCC) fungiert als Proxy zwischen On-Premises-Systemen und S/4Hana im Cloud-Rechenzentrum, ermöglicht eine verschlüsselte Kommunikation zwischen den Systemen und reduziert die Latenzzeiten, indem er die Anzahl der Netzwerk-Hops minimieren soll. Das Tool unterstützt auch verschiedene Protokolle und Formate für die Datenübertragung.
Ein Praxisbeispiel
Ein Lebensmittelproduzent mit zahlreichen Lieferanten und Vertriebspartnern hat sich für einen solchen hybriden Ansatz entschieden. Er wollte die Transparenz und Nachverfolgbarkeit seiner Lieferketten verbessern. Dafür nutzt das Unternehmen SAP Cloud Platform Integration, um Daten aus verschiedenen ERP-, CRM- und SCM-Systemen zunächst On-Premises zu extrahieren und zu transformieren. So lassen sich die Qualität prüfen, Fehler beheben und Warnungen auslösen, wenn es Anomalien oder Verzögerungen in den Datenflüssen gibt. Anschließend werden die formatierten Informationen in die Hana-Cloud übertragen, wo sie in Dashboards für Analysen und Vorhersagen genutzt werden.






































